Freitag, 21. März 2014

Rhythmus ersetzt Kraft

Als Landwirt kommt man immer wieder in die Situation, dass man von außen damit konfrontiert wird, wie hart die eigene tägliche Arbeit doch sei.
Das erste Mal, dass mir das aufgefallen ist, war, als ich mit 18 Besuch von einer Bekannten hatte, die mir eigentlich körperlich fit erschien, der ein Vormittag mitlaufen und mithelfen zuhause bei mir aber schon ziemlich anstrengend schien.
Seitdem habe ich irgendwie immer im Hinterkopf eine "wirklich schwere Arbeit" zu verrichten wenn ich in der Landwirtschaft tätig bin.

Es ist aber eine komische Sache.
Ich kenne einige Mädchen, die den Job mindestens genauso gut machen wie ich, also grenzwertig Schwer im rein physischen Sinne kann es nicht sein.
Zu Mädchen in der Landwirtschaft werde ich irgendwann wohl nochmal einen eigenen Post verfassen, weil das ein Thema ist über das ich auch schon ein bisschen nachgedacht habe.

Aber um beim wirklichen Thema zu bleiben: für mich ist es "anstrengender" (Im Sinne von "erschöpft-sein-danach") ein paar Stunden hier auf Pente im Garten auszuhelfen, als "unsere" schweißtreibensten Arbeiten wie zum Beispiel Hackrahmen mit Geräten ausstatten, Heuballen schleppen, (zuhause) einstreuen, Holz spalten oder sowas zu machen.
Der Schluss, zu dem ich gekommen bin, war, dass Steiner in einem seiner vielen Zitate Recht hatte: Rhythmus ersetzt Kraft".

In explanation: Wenn ich klassisch-langweilig in "meinem Metier", der Landwirtschaft unterwegs bin und die Aufgaben des Vor- oder Nachmittages kenne, dann kann ich mich von meinem Tempo her schon vom ersten Handgriff an auf den letzten einstellen.
Wenn ich nicht den dauernden Stress habe "was kommt jetzt" oder "was war jetzt noch auf der Liste", kann ich ein Tempo für die Arbeiten finden, das mich nicht auslaugt, mir aber genügend Puffer verschafft, um auch wirklich alle Dinge abhaken zu können.
Dazu gehört auch, unrealistische Dinge zu erkennen, und, als unrealistisch erkannt, nicht noch in den Zeitplan reindrücken zu wollen.

Für mich sind Hunger und das Überprüfen der Uhrzeit (meistens hungerbedingt) Indikatoren dafür, dass der Rhythmus nicht stimmt.
Ich schieße mich jetzt gerade sehr auf den Rhythmus ein, aber benutze das Wort schon lange zum Beschreiben für das Geheimnis für ein unangestrengtes Arbeiten, habe es aber erst jetzt im Februar auf dem Februarkurs in Bad Vilbel in dem Steinerzitat wiedererkannt.

Zuhause war ich gewohnt, ohne Frühstück über zweieinhalb Stunden im Melkstand und Stall zu stehen, Kühe zu treiben, zu melken, Traktor zu fahren und zu gabeln, ohne dass es wirklich an die Substanz gegangen wäre.
Nachmittags das Selbe: ab halb Fünf Stallroutine.
Nach einigen Monaten hier auf Pente habe ich mich mit einer Freundin über das Thema unterhalten und gemeint, dass hier die Mahlzeiten so weit auseinander lägen, sie hat nachgerechnet und mir vorgerechnet, dass mein Penter Nachmittag länger sei als der Bornwieser - allerdings waren zuhause die letzten zweieinhalb bis drei Stunden wirklich so eine Routine, dass jeder Handgriff hundertfach erprobt war und instinktiv gemacht wurde.
So wie der Morgenstalldienst, von dem ich oft im Scherz sage, dass ich ihn zwar gemacht habe aber erst zum Frühstück wirklich aufgewacht wäre, waren die Abendstalldienste ab dem bewussten "Ich-gehe-jetzt-in-den-Stall" automatisch.
Inklusive konzentriertem Vormelken, ausweichen bei schlagenden Kuhschwänzen und Reaktionen auf tretende Kühe.

Bevor ich für mich jetzt beschlossen habe, dass der Rhythmus und das "sich einstellen" auf die Arbeiten der  Knackpunkt sind, habe ich immer von der "Logik des Hofes" gesprochen.
Ich habe in den letzten Jahren schon so viel hier geschrieben, der Begriff wird bestimmt irgendwo aufgetaucht sein.
Die Logik der Höfe ist, dass man weiß, wenn Problem X auftritt, findet man die Lösung an Platz Y.
Man "weiß wie der Hase Läuft".

Alle Freunde aus der Lehre, die den Hof gewechselt haben, und eigene Beobachtungen haben mich in diesem Erklärungsversuch bestätigt: man muss sich erstmal einen Überblick verschaffen, bevor man sich sicher fühlt. Das mit dem Steinerzitat und das, worum es in diesem ausführlichen Text geht ist nur die Speciel Extended Version der ganzen Geschichte, der Schritt von dem Punkt, dass man die Arbeit durchschaut (dem Erkennen der "Logik des Hofes") zu dem Punkt, an dem man die Arbeit wird und erst wieder aufwacht, wenn es Mittagessen oder Feierabend gibt - ohne dass es der Arbeit einen Abbruch tut (im Gegenteil, glaube ich).

Additionsstrich:
Ein entspanntes Arbeiten ist, wenn man den Halbtag nicht als aneinandergereihte Arbeiten/Aufgaben sieht, sondern als ein Ganzes, das aus diversen Arbeiten besteht, die man so sehr verinnerlicht hat, dass man den "entspanntesten" Weg durch sie hindurch blindlings finden kann. Dazu gehört natürlich auch Aufmerksamkeit und, bei mir als mein Hobby und "Mindjogging", der ständige Versuch die Dinge noch runder/effektiver zu gestalten.
Wegträumen und sich ablenken (durch Musik über Kopfhörer z.B.) ist erlaubt, wenn es die Zeit totschlägt (stressmindernd, beim grubbern, eggen, walzen, wenn man viel Erfahrung auf dem Traktor hat auch miststreuen und  Heu wenden) und nicht bei Arbeiten geschieht die Aufmerksamkeit erfordern (Kreiseleggen - Steine, schwere Dinge auf dem Frontlader - Kippgefahr, Überfahren des Hofes - herumrennende Blagen), da ist es anspannender entspannende Musik zu hören und sich darüberhinaus noch zu konzentrieren als sich schlicht und ergreifend nur zu konzentrieren.

Entspanntes und unangestrengtes Arbeiten ist entspannt zu sein.

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